More Website Templates @ TemplateMonster.com. September 17, 2012!

Nachtwachen

Fotos werden an Bord über Tag gemacht.Waves in pacifica 3 Bei Sonnenuntergang entstehen die letzten, kitschig-schönen Bilder, und dann werden die Kameras bis zu dem Moment weggepackt, in dem die Sonne aus ihrem nächtlichen Bad, spektakulär in ein knalltotes Handtuch gehüllt, wieder aufsteigt. Dazwischen liegt eine fotofreie Zeit, die Zeit der Nachtwachen. Natürlich gibt es sie, die Nächte, in denen sich das Boot wie von Geisterhand geschoben, sanft fortbewegt, eine glitzernde, von Milliarden von Sternen übersäte Halbkugel sich über uns ausbreitet, und die Temperaturen den Aufenthalt im Cockpit zu einer Freude machen. Dann liegt man auf der Bank, blickt ehrfurchtsvoll in das scheinbar Unendliche und fühlt sich als Mensch klein, unbedeutend aber dennoch zufrieden. Ja, diese wunderbaren Nächte gibt es, sie sind sogar in der Überzahl, hier soll jedoch auch mal von den anderen Nachtwachen berichtet werden, von denen, die normalerweise schnell verdrängt werden.

Wache von 00:00 bis 04:00, Wind 25 kn, Wellenhöhe ca. 4 Meter, Regen. Ich bin gerade zwei Stunden in meiner Koje von Wand zu Leesegel hin und her geworfen worden, und in den letzten 30 Minuten ist es mir sogar gelungen, trotz allem ein wenig in den Halbschlaf zu fallen.

Ein dunkle Stimme lässt mich aufschrecken: „Gentlemen, aufstehen, Wache. Es regnet.“ Frank. Ich meine aus seinen letzten Worten ein wenig Schadenfreude herausgehört zu haben, aber vielleicht ist es auch nur die Erleichterung, endlich in die warme, trockene Koje zu kommen. Beim Aufstehen festhalten und dann langsam ins Bad torkeln. Ein wenig Wasser ins Gesicht, Zähne putzen, Tätigkeiten, die sonst automatisiert ablaufen, werden zum Balanceakt, weil das Boot wie verrückt tanzt. Anziehen. Nachdem die Beine beschwerlich in die richtigen Löcher der Hose eingefädelt wurden (auf einem Bein stehen ist nicht möglich) und die Regenjacke aus einem Stapel leicht feuchter Sachen herausgesucht, geht es durch das schwankende, dunkle Boot zum Cockpit. Festhalten! Ich weiß ja, dass die häufigsten Unfälle an Bord durch Ausrutschen unter Deck entstehen. Draußen kauert Peter total eingemummelt unter der Sprayhood und versucht so dem schräg von achtern kommenden Regen so weit wie möglich zu entgehen. Sobald ich erscheine, erhebt er sich seufzend und kommentiert die letzten Stunden kurz: „Scheißwetter und blöde Welle. Regnet schon seit drei Stunden“, und dann fügt er in einem anderen Ton hinzu: “Na, denn man gute Wache“, und schon wieder höre ich da die Erleichterung heraus, oder ist es doch etwas wie Schadenfreude? Ich nehme seinen Platz ein. Möglichst dicht unter der Sprayhood werden nur die Beine nass. Auch hier gilt: Festhalten. Hubert erscheint und nimmt wortlos die Steuerbordseite der Spayhood in Besitz. Da sitzen wir nun, zusammengekauert, an den Griff des Niederganges und an die Winsch geklammert, und starren auf den Ozean. Der Himmel ist fast total bewölkt, nur von Zeit zu Zeit schickt die dünne Mondsichel ihr aschfahles Licht auf die Szenerie. Eine hohe Welle läuft von hinten auf, viel höher als das Boot, so hoch, dass man meinen könnte…, aber die Chikalu hebt doch langsam das Hinterteil und schaukelt sich auf den Kamm des bedrohlichen Wasserberges. Dann beginnt die wilde Jagd. Zusätzlich geschoben von dem kräftigen Wind rutscht das Boot die Welle hinab, wie ein Surfbrett nimmt es rasende Fahrt auf. Immer schneller. 12, 13, 14 Knoten – und dann ist die Welle durch. Die Chikalu schüttelt sich in einem Wirbel von schäumenden Wasser, wird auf 9 Knoten abgebremst und, wie um gegen diese raue Behandlung zu protestieren, knallt die Fock laut, bevor es dem Autopiloten gelingt, das Boot wieder auf den ursprünglichen Kurs zurückzubringen. Besorgt wandert mein Blick zur Selbststeueranlage, die schon auf Bali eine kleinere Reparatur brauchte, aber sie hält durch. Achteraus zieht sich ein schäumendes Heckwasser ins Dunkle, dann kommt auch schon die nächste Welle, und das Spiel beginnt von vorn – ohne Pause. Ich sitze auf meinem halbwegs trocknen Platz, klammere mich fest und versuche dem Schlaf zu widerstehen. Die ausgleichenden Körperbewegungen werden automatisiert ausgeführt, und die Gedanken schweifen fort, weit fort.

Nach gefühlten drei Stunden, der Regen hat meine Hose bereits total durchnässt und hat sich nun gerade mein Hemd vorgenommen, dass nur an wenigen Stellen unter der Jacke hervorkommt, mache ich die Taschenlampe an und schaue auf die Uhr: 00:50. Hubert nimmt irgendwie mein Aufstöhnen war und fragt: „Ist was“? „Nee, alles ok“, antworte ich knapp.

Eigentlich ist es gut, dass Fotos nur am Tage gemacht werden.

Uwe