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Grenada – Im Garten Eden angekommen

Grenada-LoveAls die CHIKA-lu nach 9 Tagen von Fortaleza in der Karibik ankommen ist, macht sich Euphorie breit. Wir sind zwar noch nicht ganz am Ziel der Weltumsegelung, aber zu wissen, dass alle großen Passagen – Pazifik, Indischer Ozean, Südafrikanische Küste, Südatlantik und die raue Überfahrt von Brasilien nach Grenada – nun geschafft sind, erfüllen Schiffseigner und Mitsegler mit Stolz und Erleichterung. Kaum zu glauben, dass 26.000 Seemeilen (ca. 50 Tausend Kilometer) einmal um den Globus hinter uns liegen. Alles, was jetzt kommt, ist Kür. Entspanntes Inselhopping ohne Nachtschichten, Funkrunden, Wetteranalysen. Einfach tun, worauf man Lust hat.

Der Empfang in Grenada ist standesgemäß. In der Port Louis Marina, einem Hafen gebaut von dem renommierten Unternehmen Camper & Nicholsons Marinas, werden wir von allerhand Superyachten und von auffallend herzlichem Personal empfangen. Unsere Nachbarn: Charteryachten für Scheiche, Dagobert Duck und andere Superreiche, zu mieten für 500.000 US-Dollar pro Woche. Plötzlich fühlt sich unser Boot sehr klein an und wir uns nicht mehr ausreichend elegant gekleidet. Aber am schönen Marina-Pool, umsäumt von hübschen Liegemöbeln der deutschen Marke Dedon, spielt das keine Rolle mehr.

Innerhalb der gepflegten Marina lassen sich bequem alle Einklarierungs- und Immigration-Angelegenheiten lösen, wir entdecken eine Bäckerei und erklären Mandelcroissants zum Frühstückstrend. Und immer wieder lockt uns der Pool. Nur eines macht uns zu schaffen: Es regnet jeden Tag, meistens mehrmals. Des einen Leid, des anderen Freud: Während wir unsere zum Trocknen aufgehängte Wäsche tagelang nicht abnehmen können, gedeiht auf den Plantagen alles, was das Herz begehrt.

In der Innenstadt von St. George finden wir wenig Prickelndes. Das Cruise Ship-Terminal, das täglich ein paar Stunden Hunderte von Kreuzfahrttouristen aus den USA, aus Deutschland, England, Russland und Frankreich ausspuckt hat außer Kitsch nichts zu bieten. Auf dem Gewürz- und Gemüsemarkt gähnen die Marktfrauen vor sich hin und kaum ein Stand unterscheidet sich von dem anderen. Im Allgemeinen sind die Grenader freundlich und hilfsbereit. Karibische Gelassenheit und echtes Interesse an den Gästen der Insel kommen uns auch im Umgang mit der Polizei zu Gute, die uns höflich daran erinnert, dass wir uns auf englischem Territorium befinden und links zu fahren haben.

Als wir das gelernt haben, machen wir uns mit unserem sportlichen Mietwagen auf Erkundungstour. Idyllisch schlängelt sich die Straße rund um die Insel am Meer entlang, durch Dörfer mit bunten Holzhäusern, gesäumt von Kokospalmen, Mangobäumen und dichtem Dschungel. Fischerboote schaukeln in den Wellen, Kinder in Schuluniformen winken uns zu, herunterhängende Stromkabel umfahren wir großräumig, gemütlich spazierende Kühe, Ziegen und Hunde lassen wir geduldig passieren. Eines fällt auf: Im grünen Dickicht der fruchtbaren Insel blinken uns überall die Farben der Karibik an. Pink, Türkis, Gelb, Orange, Lila, Hellblau finden sich in den Kleidern der Menschen, im Anstrich der Häuser und in den üppigen Blüten wieder.

Wir besuchen den Pearls Airport, einem stillgelegten Flughafen, auf dem zwischen Flugzeug-Wracks Kühe und Ziegen weiden und das Militär Schießübungen veranstaltet. Die heruntergekommenen Gebäude und die leere Landebahn, die alte Aeroflot-Maschine zeigen, was so typisch ist für die Grenadinen, die Inselgruppe, durch die wir cruisen werden. Was nicht mehr funktioniert, keinem mehr gehören möchte oder durch Neues ersetzt wurde, wird ausgeschlachtet und liegen gelassen, bis die Natur sich den Raum zurück holt. Das gilt für Häuser, sogar ganze Hotelanlagen, ebenso wie für Wracks von PKWs, Schiffen und eben auch Flugzeugen.

An der Westküste Grenadas fahren wir gen Norden und besuchen das Belmont Estate, eines der Herzen des Garten Edens. Dort wird zur kommerziellen Verwertung professionell angebaut, was wir überall auf der Insel direkt am Straßenrand präsentiert bekommen: Bananen, Mangos, Limetten, Grapefruit, Kokosnüsse, Papayas, Zimt, Ingwer, Vanille, Nelken und vor allem Kakao und Muskatnüsse. Wir lernen, wie aus getrockneten Cocoa-Bohnen leckere Schokolade hergestellt wird und dass die viele Cocktails mit einem Topping von Muskat (engl. Nutmeg) noch besser schmecken. Ein kleiner Mundraub im üppig gedeihenden Paradies sei verziehen. Mmh… die Grapefruits schmecken viel fruchtiger als die heimischen Supermarkt-Modelle. Für das ruhige Gewissen erwerben wir Pralinen und 80-prozentige Schokolade.

Beim Mittagstisch begegnet uns etwas, das uns bis zum Rest der Reise begleiten wird: Die Brotfrucht. Die großen grünen Bälle, die Melonen ähneln, wachsen in jedem zweiten Garten und werden wahlweise zu kaltem Salat oder in Würfel geschnitten zu einer Beilage neben Fleisch und anderem Gemüse verarbeitet. Ein bisschen weißer und milder gleicht sie doch sehr einer deutschen Kartoffel. Die Krönung erleben wir später auf St. Vincent, wo uns im Restaurant „German style bread fruit salad“ angeboten wird. Wir lachen herzhaft. Und noch ein Dauerbrenner wird zum karibischen Ritual: Der Rum-Punch. Sparrow Rum, den wir in Gedenken an Jack Sparrow an all den schönen Drehorten von Pirates oft he Caribbean trinken, gemischt mit Fruchtsäften, wir in jeder Bar als Spezialität serviert und hat ohne ausreichende Grundlage – zum Beispiel in Form von Brotfruchtsalat – fatale Folgen.

Die Herstellung des beliebten Zuckerrohrschnaps können wir in den zahlreichen Distillerien Grenadas nachvollziehen. Es riecht süßlich-muffig nach Vergorenem. Am Zuckerrohr zu knabbern und später das Endprodukt zu testen ist der größere Genuss. Wir waren schlau und sind hier mit dem Bus angereist, der uns sicher zurück in die schöne Marina bringt.

Den World-ARC-Weltumseglern gelüstet nach einem Langusten-Schmaus. Wir ahnen, wo wir sie finden können und stellen zwei Dinghis mit Tauchern und Schnorchlern zusammen. Vor dem Coconut Beach werfen wir Anker. Auf 13 Metern Tiefe finden wir zahlreiche Höhlen und Löcher, ideale Verstecke für die schmackhaften Schalentiere. Niemand zu Hause. Alles ausgefischt. Wir entdecken ein prächtiges Tier und lassen es dort, wo es hin gehört. Vermehre Dich anständig, denken wir uns. Trompetenfische, Kugelfische, Aale, Muränen und bunte Fischschwärme trösten uns und irgendwie sind wir erleichtert, dass wir heute keiner Kreatur mehr ein Härchen krümmen müssen.

Am Abend steht Musik auf dem Programm. Wir haben erfahren, dass das Stahltrommel-Orchester Angel Harps täglich für ihr Jubiläumskonzert zum 50-jährigen Bestehen probt und wir Mäuschen spielen können. Aus einer Garage gleich neben dem Fußballfeld hören wir schon die lauten Klänge der Steel Drums. Wir schleichen uns hinein, verteilen uns auf ein paar herumstehenden Plastikstühlen und hören den immer gleichen Noten zu, die zur Perfektion trainiert werden müssen. Aus Ölfässern werden die Instrumente hergestellt, die perfekt gestimmt ca. 1000,- US-Dollar pro Stück kosten. 20 Leute spielen zusammen Rhytmen und Melodien und uns kommt so einiges Klassisches bekannt vor. Noten lesen die fleißigen Trommler nicht. Sie üben einfach so oft und so lange, bis alles sitzt. Die Dirigenten zeigen Engelsgeduld. Später erfahren wir, dass der ältere von beiden sogar einmal Polizei-Präsident war. Das Orchester setzt aus Menschen in allen Altersklassen zusammen, jeder kommt tagtäglich für drei Stunden Training direkt nach Arbeit und Schule in den Probenraum. Wir sind begeistert von so viel Engagement und Gastfreundschaft. Man bietet uns eine kostenlose Steel Drum-Stunde an, aus der am Ende mehr als zwei werden. Unser kleines Stück klingt nach einigen Disziplin- und Konzentrationsübungen ganz zauberhaft und wir können gar nicht genug bekommen. Aber Andy, IT-Spezialist und Kopf des Orchesters, muss sich beeilen, denn am Abend stehen ein Konzept auf einer Luxusyacht und ein Auftritt in einem 5-Sterne-Hotel an. Zum Dank für seine Zeit kaufen wir die übrigen Karnevals-Shirts des Orchesters als Souvenirs ein.

Die offizielle World ARC-Gala findet dort statt, wo alles angefangen hat: Am schönen Pool der Marina. Es wird ausgelassen gefeiert und am und im Wasser. Wein und Rum fließen in Strömen und das Essen schmeckt. Der DJ wechselt zwischen Reggae, Pop und Rock. Segler, Motoryacht-Crews und einheimische Gäste tanzen und lachen zusammen. Ein schöner Abschluss unseres Grenada-Aufenthalts und ein perfekter Auftakt für den Törn durch die Windward Islands, die Grenadinen und gen Norden Richtung St. Lucia.

Nur die Harten kommen in den Garten. Oder ins Banana’s. Der Nachtclub in Grand Anse hat es uns angetan. Unter freiem Himmel tanzt der harte Flottenkern weiter bis in die Morgenstunden. Die internationale Schar auf der Tanzfläche lernt sich kennen: Holländer, Franzosen, Amerikaner, Schweizer, Deutsche und Grenader schütteln sich zu elektronischer Musik mit karibischen Noten.  

Während auf der Polaris Michaels Familie, also Frau Peggy und Kinder Aaron und Annie, anreisen, finde ich Asyl auf der CHIKA-lu. Die zwei deutschen Crews kennen sich gut. Meine Bewerbung zum Mitsegeln schickte ich Kapitän Hubert in Gedichtform. Die Antwort kam prompt und jetzt bin ich umgeben von den X-Yacht-Charmeuren. Rainer, Huberts langjähriger guter Freund, stößt ebenfalls hinzu und so ist auch unser Boot gut gefüllt mit lustigen Matrosen.

Rainers Einstand findet im „Schnitzelhaus“ statt. Das deutsche Restaurant, vor sechs Jahres von einem ehemaligen Einzelhandelskaufmann aus Berlin eröffnet, ist vor allem bei den amerikanischen Fleischliebhabern aus den USA beliebt. Wir geben zu: Etwas skeptisch sind wir schon, als wir am Tisch auf dem Balkon mit Blick in die Bucht Platz nehmen. Allzu oft scheitern Aussteiger, die sich an das harte Geschäft der Gastronomie herantrauen. Auch unser Gastgeber sagt, er hätte erst lernen müssen, was es heißt, ein Restaurant zu führen. Hubert lächelt. Wenn der Auswanderer wüsste, mit wem er es hier zu tun hat. Als Schnitzel vom Schwein, Bratwurst und Sauerkraut serviert werden, sind wir überrascht. Die Qualität stimmt. Der Preis auch. Klasse! Wieder einmal unterhalten wir uns darüber, auf welche Speisen wir uns nach unserer Rückkehr freuen.

Bevor wir ablegen, bringen wir das Schiff zu strahlen und kaufen letzte Vorräte ein. Am Straßenrand lässt sich Sebastian einen halben Eimer Erbsen, zum selbst Auspuhlen, andrehen. Sie seien gut für die Potenz, wie so ziemlich jedes Gemüse, das uns bisher zum Kauf angeboten wurde. Ein unschlagbares Argument. Die Erbsensuppe wird es in sich haben! Dafür puhlt die Crew auch gern zwei Stunden an den schrägen Schoten herum.

Ein letztes Mandelcroissant und schon heißt es „Leinen los“ in Richtung Carriacou. Fünf Stunden wird die Überfahrt dauern. Der Spinnakersack lädt zu einem Schläfchen ein. Das Bier steht kühl. Das Leben ist einfach in der Karibik. Einfach und einfach schön.